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„Wie wird Ungleichheitsrelevanz im Bildungs- und Betreuungsalltag hergestellt? Eine qualitative Mehrebenenanalyse auf Basis ethnographischer Fallstudien in Luxemburger Kindertageseinrichtungen und Vorschulen“

Dissertation

 

„Wie wird Ungleichheitsrelevanz im Bildungs- und Betreuungsalltag hergestellt? Eine qualitative Mehrebenenanalyse auf Basis ethnographischer Fallstudien in Luxemburger Kindertageseinrichtungen und Vorschulen“

Bereits vor der Einschulung ist Bildung und ihre gezielte Förderung ein zentrales Thema im kindlichen Alltag. Dies wird besonders in Luxemburg deutlich, einem kleinen, soziokulturell jedoch sehr heterogenen, Land mit einem ausdifferenzierten System frühkindlicher Bildung und Betreuung. Dieses hält insbesondere für 2-4jährige Kinder äußerst vielfältige Angebote bereit, z.B. konventionierte und nicht-konventionierte Kinderkrippen oder staatlich organisierte Vorschulklassen, wie die fakultativeéducation précoce. Da diese Angebote von Eltern jeweils unterschiedlich genutzt und kombiniert sowie über Alltagspraktiken von ErzieherInnen, LehrerInnen und Kindern jeweils unterschiedlich gestaltet werden, lässt sich mit Bezug auf das Forschungsprojekt CHILD, in dessen Rahmen die vorliegende Arbeit entstanden ist, von einer Diversität betreuter Kindheiten (Bollig, Honig und Nienhaus 2016) in Luxemburg sprechen. Dass diese Diversität potentiell ungleichheitsrelevant ist, d.h. Vor- oder Nachteile im Hinblick auf das Erreichen bestimmter Bildungsstufen von Kindern nach sich ziehen kann, ist der Ausgangspunkt der Dissertation, die im Feld bildungssoziologischer Ungleichheitsforschung angesiedelt ist.

Mit der Annahme, dass Diversität, Differenz und Ungleichheit miteinander verknüpft sind, rückt die Frage nach Prozessen sozialer Ungleichheit in den Vordergrund (vgl. Solga, Berger und Powell 2009). Anders als in der quantitativ orientierten Ungleichheitsforschung wurden diese Prozesse in der Dissertation jedoch nicht längs-, sondern querschnittlich untersucht, sodass die situative Herstellung von Ungleichheitsrelevanz im Zentrum stand. Mit Rückgriff auf den im Rahmen des CHILD-Projektes verwendeten Begriff des Arrangements wurde vorab angenommen, dass die Herstellung von Ungleichheitsrelevanz im Rahmen einer Konstellation unterschiedlicher Akteure im frühkindlichen Bildungs- und Betreuungsalltag (Eltern, ErzieherInnen, LehrerInnen und Kinder) über eine unterschiedliche Gewichtung von Bildungsschwerpunkten geschieht.

Vor diesem Hintergrund basiert die Dissertation auf einem explorativen Forschungszugang, im Rahmen dessen drei ethnographische Fallstudien mehrebenenanalytisch untersucht wurden (vgl. Helsper, Hummrich und Kramer 2013, Hummrich und Kramer 2011). Hierbei ließen sich Wünsche bzw. Ansprüche von Eltern hinsichtlich der Bildung und Betreuung ihrer Kinder (Ebene 1: Milieu), (Spannungs-)Verhältnisse hinsichtlich der Bedeutung und Anwendung von Bildungsschwerpunkten im Bildungs- und Betreuungsalltag (Ebene 2: Institution) und Anpassungsleistungen bzw. Kompetenzen, welche ErzieherInnen und LehrerInnen von Kindern erwarten (Ebene 3: Interaktion), ausdifferenzieren und dabei Widersprüche und Brüche im frühkindlichen Bildungs- und Betreuungsalltag sichtbar machen. Diese Ausprägungen von Bildungsschwerpunkten wurden anschließend entlang ungleichheitsrelevanter Themen und Akteurskonstellationen weiter analysiert, sodass die Forschungsfrage folgendermaßen beantwortet werden konnte: Die Herstellung von Ungleichheitsrelevanz geschieht über Differenzierungen ‚richtiger‘ bzw. ‚falscher‘ Verhaltensweisen von Kindern, wobei diejenigen Kinder, die diese Verhaltensweisen anwenden, von ErzieherInnen oder LehrerInnen als kompetent bzw. inkompetent bewertet werden. Im Rahmen eines gemeinsamen Interesses an kindlicher Bildung und Betreuung wird dies zwischen Eltern und ErzieherInnen oder LehrerInnen bzw. ErzieherInnen oder LehrerInnen untereinander verhandelt, indem z.B. Kompetenzen versichert oder Inkompetenzen problematisiert werden. Determinanten sind hier z.B. Bildungsmilieu, Migrationshintergrund oder körperlich/geistige Beeinträchtigungen.

Mit diesen Antworten leistet die qualitativ-ethnographische Arbeit einen Beitrag zur wissenschaftlichen Debatte um die Analyse von Prozessen sozialer Ungleichheit und zeigt außerdem, wie gesetzliche Rahmenbedingungen im Luxemburger Bildungs- und Betreuungssystem im Alltag umgesetzt werden und wo ‚Schaltstellen‘ für die Genese sozialer Ungleichheit liegen.